Ehre sei dem Vater (German Edition) by May Elisa

Ehre sei dem Vater (German Edition) by May Elisa

Author:May, Elisa [May, Elisa]
Language: deu
Format: epub
Publisher: Elisabeth Mayerhofer
Published: 2013-08-26T22:00:00+00:00


„Sch…., auch das noch!“ , fluchte Verena als sie vor der verschlossenen Haustüre stand. Es war bald drei Uhr morgens. Nachdem sie mit Eva und Julian einige Achtel Rotwein genossen hatte, musste sie wohl oder übel einen Kilometer Fußmarsch bis nach Hause in Kauf nehmen. Während der angeregten Gespräche hatte sie überhaupt nicht bemerkt, wie sehr ihr der Alkohol zugesetzt hatte. Erst an der frischen Luft war ihr schmerzlich bewusst geworden, dass sie erheblich über die Stränge geschlagen hatte. Leicht schwankend hatte sie versucht, die Wegstrecke so rasch wie möglich hinter sich zu bringen. Und nun, endlich am Ziel, musste sie feststellen, dass sie keinen Haustorschlüssel mithatte. „Na wunnerbar! Jetzt muss ich auch noch mein Töchterchen aus dem Schlaf reißen“, sagte sie zu sich mit schwerer Zunge. „Als schlechte Mutter sollte man wenigstens ein gutes Beispiel abgeben, oder? Nein, das geht so: „Wenn ich schon keine gute Mutter bin, so soll ich ihr wenigstens ein schlechtes Beispiel abgeben. Ach Schwachsinn!“ Hin- und hergerissen zwischen Selbstironie und Scham über ihren tadelnswerten Zustand betätigte sie schließlich doch die Klingel.

Schon nach wenigen Augenblicken wurde die Tür geöffnet.

„Das ging aber schnell, hast du noch gar nicht geschlafen?“

„Ach du bist das!“ Maries Stimme klang erleichtert. Sie war leichenblass, auf ihrer Stirn glänzte Schweiß. Verena war mit einem Schlag nüchtern.

„Geht’s dir etwa nicht gut, Kleines?“

„Nenn mich nicht so, du weißt, dass ich das nicht mag!“, gab Marie schroff zurück. „Entschuldige, ist mir einfach so rausgerutscht, aber du siehst wirklich nicht besonders gut aus. Willst du mir nicht sagen, was los ist?“

Maries Mundwinkeln zuckten. Sie wandte sich ab. Unbeholfen hob sie den rechten Arm vor ihr Gesicht, um die aufsteigenden Tränen zu verbergen. „Ich bin einfach nur müde“, sagte sie ruppig und setzte sich in Richtung Stiegenhaus in Bewegung. Normalerweise hätte Verena, beschämt von der offensichtlichen Zurückweisung durch ihre Tochter, sofort aufgegeben. Sie hätte Marie in ihr Zimmer gehen lassen, hätte sich nicht von der Stelle gerührt und sich im Stillen wahrscheinlich die Augen ausgeheult vor Selbstmitleid. Doch diesmal reagierte sie anders. Sie wunderte sich selbst, wie schnell sie ihre Tochter, trotz des nicht unbeträchtlichen Alkoholpegels, eingeholt hatte. „Warte doch!“, sagte sie sanft. „Ich verspreche dir, dass ich nicht gleich wieder auszucken werde, ganz egal was los ist.“ Marie blieb stehen. „Ich hab Mist gebaut!“, murmelte sie. Verena legte wortlos die Arme um sie. „Willst du darüber reden?“

Marie wehrte sich nicht. Verena schwankte zwischen einer tiefen innerlichen Freude über die plötzliche Nähe zu ihrem Kind und der Sorge darüber, was wohl passiert war. Gemeinsam steuerten sie das Wohnzimmer an und ließen sich auf dem roten Sofa nieder.

Als Marie in wenigen Sätzen erzählt hatte, was passiert war, war Verena zunächst sprachlos. „Was hast du dir bloß dabei gedacht?“, hätte sie im ersten Augenblick am Liebsten gesagt, aber sie hütete sich vor derartigen Vorwürfen. Die wichtigste Frage war im Augenblick: Wie kann der Schaden so gering wie möglich gehalten werden? Stumm und ohne jede persönliche Anschuldigung drückte sie ihre Tochter an sich. „Was sagen denn deine Freunde zu dieser prekären Lage?“, fragte sie nach einer Weile.



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